Eine Website, die man selbst gebaut hat, sieht man irgendwann nicht mehr. Man kennt jede Seite, öffnet sie im selben Browser, im selben Fenster, in derselben Breite — und übersieht dabei zuverlässig, was ein Fremder sofort bemerkt.
Wir haben unsere eigene Seite deshalb behandelt wie einen fremden Auftrag: gemessen statt angesehen. Hier steht, was dabei herauskam. Vollständig, auch die peinlichen Teile.
Fund 1: Die Seite ließ sich auf dem Handy seitlich schieben
Ein Prüflauf über 15 Seiten und sechs Bildschirmbreiten von 320 bis 1440 Pixeln ergab: Ein Blogbeitrag schob die Seite bei 375 Pixeln um 111 Pixel aus dem Bild. Verursacher war eine dreispaltige Tabelle mit Preisbeispielen.
Interessant war die Ursache. Die Tabelle hatte längst die Anweisung, in sich selbst zu scrollen. Nur lief die ins Leere: Raster-Kinder dürfen im Web standardmäßig nicht schmaler werden als ihr Inhalt. Also scrollte nicht die Tabelle — die ganze Spalte wuchs und schob die Seite hinaus.
Dazu kam ein zweiter, kleinerer Fall: Domainnamen wie austrianbusiness.at haben keine Trennstelle. In einer schmalen Spalte sprengen sie die Zeile.
Warum kein Prüfskript das findet: Im fertigen HTML steht davon nichts. Der Fehler entsteht erst, wenn ein Browser das Ganze in einer bestimmten Breite anordnet.
Fund 2: 984 Textelemente unter der Lesbarkeitsschwelle
Wir hatten an mehreren Stellen behauptet, die Seite erfülle WCAG 2.1 AA. Gemessen hatte das niemand.
Die Messung ergab: Die kleinen Registerlabels — Datumsangaben, Statusangaben, Spaltenköpfe — lagen bei einem Kontrastverhältnis von 2,57:1. Nötig sind bei dieser Schriftgröße 4,5:1. Betroffen waren 297 Labels und 24 Ziffern, über acht geprüfte Seiten hinweg.
Behoben war es mit einer einzigen Zeile: ein dunklerer Grauwert. Aber die Korrektur brauchte zwei Anläufe. Der erste Wert bestand auf Weiß mit 4,64:1 — und fiel auf einer leicht getönten Fläche auf 4,26:1 zurück. Man muss gegen den dunkelsten Hintergrund rechnen, auf dem der Text vorkommt, nicht gegen den häufigsten.
Fund 3: Ein Datenfehler, der seit Monaten sichtbar war
Auf drei Projektseiten stand als Kennzahl nicht die Zahl, sondern Jahr plus kompletter Beschreibungstext plus Zahl — ein absatzlanger Block dort, wo eine große Ziffer stehen sollte.
Das war seit einer früheren Datenmigration so. Wir hatten diese Seiten seither oft geöffnet. Gefunden hat es niemand, weil niemand hingesehen hat, sondern alle wussten, was dort steht.
Fund 4: Der Fehler war im Prüfwerkzeug
Das ist der Teil, den man ungern aufschreibt.
Unser Kontrastskript meldete die Navigation mit 1,07:1 — das wäre praktisch unsichtbarer Text. Auf jedem Bildschirmfoto war die Navigation klar lesbar.
Dieser Widerspruch war der eigentliche Befund. Die Ursache lag in einer technischen Feinheit: Unser Baukasten gibt halbtransparente Farben im modernen oklab-Format aus. Das Skript las die ersten drei Zahlen daraus als Rot-, Grün- und Blauwert — und machte aus einem fast weißen Hintergrund rechnerisch Schwarz.
Der Versuch, die Farbe über die Zeichenfläche des Browsers umrechnen zu lassen, half nicht: Chrome reicht oklab unverändert durch. Erst das tatsächliche Zeichnen eines einzelnen Bildpunkts und das Auslesen dieses Punkts liefert einen verlässlichen Wert.
Die Navigation liegt bei 5,07:1 und war nie ein Problem.
Was daraus folgt
Vier Regeln, die wir uns danach aufgeschrieben haben:
Behaupte keine Messung, die du nicht gemacht hast. Ein unbelegtes „passt” ist schlimmer als ein „nicht geprüft” — es verhindert genau die Prüfung, die nötig gewesen wäre.
Wenn eine Messung dem widerspricht, was du siehst, ist zuerst die Messung verdächtig. Ein Prüfwerkzeug, das falsche Fehler meldet, kostet das Vertrauen in alle seine übrigen Zahlen.
Sieh es an, nicht nur die Zahlen. Eine Regression, die wir uns beim Beheben des ersten Fehlers eingebaut hatten — die Navigationspunkte liefen ineinander —, fand kein Skript. Sie fand ein Bildschirmfoto.
Bekannte Ausnahmen aufschreiben, nicht stillschweigend ausblenden. Die großen Ziffern im Werkverzeichnis liegen bewusst unter der Schwelle; sie sind ein gestalterisches Element und tragen keine Aussage. Das steht jetzt mit Begründung und Datum im Prüfskript. So heißt ein grüner Lauf wieder etwas: keine neuen Mängel.
Warum wir das veröffentlichen
Weil es der einzige ehrliche Beleg dafür ist, wie wir arbeiten. Jede Agentur schreibt „Qualität” auf ihre Seite. Nachprüfbar wird das erst, wenn jemand aufschreibt, was er gefunden hat — einschließlich der Fehler, die er selbst verursacht hat.
Was diese Seite sonst noch über sich behauptet und nachzählbar macht, steht auf Haltung.