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Auch die, die nicht mehr laufen

Ein Portfolio, aus dem die schwachen Arbeiten herausgelassen wurden, ist keine Auskunft — es ist eine Auswahl. Warum in unserem Werkverzeichnis auch Vorhaben stehen, deren Adresse es nicht mehr gibt.

Raphael Lugmayr 4 min Lesezeit

Auf unserem Werkverzeichnis stehen 29 Vorhaben. Vier davon zeigen ein Bild, das kleiner ist als der Rahmen, weil es kein besseres mehr gibt. Bei mehreren fehlt der Verweis auf die Live-Adresse, weil es die Adresse nicht mehr gibt. Eines nennt ein Werkzeug, dessen Quellcode noch nicht öffentlich ist.

Das steht so da. Es wird nicht weggelassen, und es wird nicht schöngeschrieben.

Eine Auswahl beantwortet die Frage nicht, die gestellt wird

Ein Portfolio mit drei Referenzen beantwortet die Frage „Was ist Ihnen am besten gelungen?”. Das ist eine interessante Frage. Es ist nur nicht die, die ein Amtsleiter vor einer Vergabe hat.

Seine Frage lautet: Was passiert bei uns wahrscheinlich? Und die beantwortet man nicht mit dem besten Fall, sondern mit dem Durchschnitt — inklusive der Vorhaben, die nach zwei Jahren eingeschlafen sind, der Kunden, die den Betrieb nicht verlängert haben, und der Produkte, die es nicht in den Regelbetrieb geschafft haben.

Bei drei ausgewählten Referenzen weiß man nicht, ob sie aus dreißig Projekten stammen oder aus vier. Man weiß nicht, ob daneben zwanzig Vorhaben stehen, die nie in Betrieb gingen. Genau das ist der Punkt einer Auswahl: Sie verschweigt die Grundgesamtheit. Und ohne Grundgesamtheit ist jede Erfolgsquote unberechenbar.

Was bei uns tatsächlich in dem Verzeichnis steht

Von den 29 Vorhaben laufen 16, dreizehn sind abgeschlossen. Vierzehn waren Auftragsarbeiten, fünfzehn sind Eigenentwicklungen. Diese Zahlen stehen oben auf der Registerseite, weil sie den Rest einordnen.

Und dann stehen dort Dinge, die in keinem Verkaufsprospekt vorkommen:

  • Eine Kampagne für einen Kulturverein, deren Adresse inzwischen abgeschaltet ist. Das Blatt bleibt, das Bild bleibt als archivierter Stand, der Verweis ist raus. Ein Link auf eine tote Adresse wäre schlimmer als kein Link.
  • Vier Blätter mit archiv-Kennzeichen. Ihre Bilder sind 500 Pixel breit, weil aus dem Zeitraum nichts Besseres existiert. Sie stehen in echter Größe mittig im Rahmen — wie ein kleiner Abzug in einer großen Mappe. Hochrechnen hätte ein schärferes Bild vorgetäuscht, das es nie gab.
  • Ein eigenes Produkt, dessen Website derzeit nicht online ist. Die Plattform läuft weiter, der Zugang geht auf Anfrage — und genau das steht dort, statt „Live”.
  • Ein Werkzeug, dessen Repository noch nicht offen ist. Solange es nicht offen ist, gibt es keinen Link darauf. Die Adresse steht als Text da, nicht als Versprechen.

Nichts davon ist schmeichelhaft. Alles davon ist überprüfbar.

Der Unterschied zwischen Bescheidenheit und Nachprüfbarkeit

Das ist keine Selbstkasteiung. Es geht nicht darum, Schwächen zu zeigen, weil das sympathisch wirkt — das wäre nur eine andere Form von Inszenierung.

Es geht darum, dass ein Verzeichnis erst dann eine Auskunft ist, wenn es vollständig ist. Sobald jemand auswählt, muss der Leser dem Auswählenden vertrauen. Sobald niemand auswählt, muss er nur noch nachsehen.

Bei einer Direktvergabe ist das der ganze Unterschied. Eine Gemeinde vergibt unterhalb der Schwelle formfrei, aber sie muss ihre Entscheidung im Akt begründen können. „Der Anbieter hat drei schöne Referenzen gezeigt” ist keine Begründung. „Der Anbieter führt sein vollständiges Werkverzeichnis öffentlich, mit Auftraggeber, Zeitraum, Stack und Status” ist eine.

Was das kostet

Ehrlichkeit als Prinzip klingt billig. Sie ist es nicht.

Wir haben ein Vorhaben in der Liste, bei dem der Auftraggeber nicht namentlich genannt wird, sondern als „Stadtgemeinde in Oberösterreich” — weil keine schriftliche Freigabe vorliegt. Das ist schwächer als der Name. Wir haben Kennzahlen weggelassen, die gut ausgesehen hätten, weil sie sich nicht belegen ließen. Und wir haben eine Absageliste veröffentlicht, die Anfragen kostet, bevor sie entstehen.

Der Gegenwert ist nicht Sympathie. Der Gegenwert ist, dass alles Übrige geglaubt wird. Wer bei zwanzig prüfbaren Angaben zwanzigmal richtig liegt, muss die einundzwanzigste nicht mehr beweisen.

Die Probe

Nehmen Sie irgendein Portfolio einer Agentur und stellen Sie drei Fragen:

  1. Wie viele Projekte gab es insgesamt? Wenn die Zahl nicht dasteht, ist jede gezeigte Arbeit eine Auswahl aus einer unbekannten Menge.
  2. Was ist mit den Projekten passiert, die vor drei Jahren gezeigt wurden? Laufen die noch? Stehen sie noch drin?
  3. Steht irgendwo etwas, das nicht funktioniert hat? Wenn nirgends — dann ist entweder nie etwas schiefgegangen, oder es wird nicht gezeigt. Eines von beiden ist unwahrscheinlich.

Diese Fragen kosten nichts und lassen sich in fünf Minuten beantworten. Sie sagen mehr über einen Anbieter als jede Fallstudie.


Unser Werkverzeichnis steht unter /werk/ — vollständig, mit Auftraggeber, Rolle, Stack und Status. Was wir ausdrücklich nicht übernehmen, steht auf /technologien/. Was im laufenden Betrieb gilt, auf /betrieb/.

PositionierungWerkverzeichnisReferenzenVergabeEhrlichkeit